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Pandemie im ESH - ein Interview


In der aktuellen Ausgabe es Evangelischen Gemeindeblatts Württemberg hat Praxisanleiterin Olivia Scheinert darüber berichtet, wie Corona uns im ESH stärker zusammenwachsen lies. Lesen Sie hier das ungekürzte Interview.

Im November 2020 erreicht das Coronavirus das Elias-Schrenk-Haus in Tuttlingen. 12 Bewohner und infizieren sich, einige davon sterben in der Quarantäne. Die Bewohner erleben einsame Tage. Pflegekräfte wie Praxisanleiterin Olivia Scheinert arbeiten bis zur Belastungsgrenze. Dennoch kann sie dieser Zeit Positives viel abgewinnen. Davon erzählt sie uns im Interview.

Am 12. November 2020 war klar: In Ihrem Seniorenheim haben sich vier der rund 120 Bewohnerinnen und Bewohner mit Corona infiziert. Außerdem eine Pflegekraft, weitere Pflegekräfte standen unter Verdacht. Sie selbst war nicht darunter, auch ihr Wohnbereich war außen vor. Was war Ihr erster Gedanke?

Wir können froh und stolz sein, dass wir so lange standgehalten haben und dass es bis dahin nicht reinkam. In der ersten Welle gab es keinen einzigen positiven Covid-19-Fall im Elias-Schrenk-Haus.

In der zweiten Welle kam es dann anders.

Ja, und an diesen 12. November kann ich mich sehr gut erinnern. Unsere Einrichtungsleiterin Karen Winterhalter hat sofort alle verantwortlichen Fachkräfte zusammengerufen und informiert, dass es positive Fälle im Haus gibt und was getan werden muss. Abstand halten, erhöhte Hygienemaßnahmen, Alltagsmasken und viel lüften war uns ja längst in Fleisch und Blut übergegangen. Ab sofort mussten wir außerdem Overalls, FFP2-Masken und Brillen tragen.

Wie haben die Bewohner diese zweite Welle erlebt?

Die Bewohner haben zum Teil stark unter der Isolation gelitten. Doch auch aus dieser Situation haben wir das beste gemacht. Ich habe auf der Gruppe eine tägliche Andacht vorgelesen, aus der „guten Saat“ oder andere Andachten aus dem Internet, die mich angesprochen haben.
Unser Sozialdienst hat eine Radiosendung gemacht, die auf den Zimmern ausgestrahlt wurde.

Während der ersten Welle waren mal Blasmusiker und ein anderes Mal Akkordeonspieler da, die unter den Balkonen Musik gemacht haben. Das hat den Bewohnern sehr gut gefallen. Auch Kinder kamen mal zum Singen vorbei.

Gab es auch im Alltag schöne Momente?

Ja, von denen gab es sogar viele. An einigen Samstagen haben wir unseren Bewohnern auf der Gruppe selbstgemachtes Frühstück aus unserer kleinen Wohnküche angeboten. Rührei mit Speck und Zwiebeln oder Sandwiches, herzhaft oder süß und auch mal Spiegelei und Würstchen. Nachmittags haben wir Obstsalat mit Honig und Zitrone oder ähnliches gemacht. „Das könnte öfter geben“, haben die gemeint.

Sogar Haare haben wir kürzlich gefärbt. „Die Farbe ist mir egal, Hauptsache nicht mehr grau!“, hat die Bewohnerin gesagt. Dann haben wir im Drogeriemarkt so ein Mittel geholt und haben ihr auf dem Zimmer die Haare gefärbt. Das war eine sehr lustige Aktion.

Wir haben auch ein paar tanzbegeisterte Damen. Und der Sozialdienst durfte ja keine Veranstaltungen mehr machen. Also haben wir eben mit ihnen getanzt. Mal zu Musik zu den Beatles, ein anderes Mal auf Elvis Presley. Die fünf Minuten Zeit nehmen wir uns. Die Bewohner sind glücklich, das ist das wichtigste.

Raus durften die Bewohner ja nicht?

Das war besonders für die schwer, die bisher noch regelmäßig raus. Wir haben deshalb mit unserer Einrichtungs- und Pflegedienstleitung geklärt, was möglich ist sind dann bei schönem Wetter unter Einhaltung der AHA-Regeln mit einzelnen Bewohnern – einer nach dem anderen, wer eben wollte – spazieren gegangen. Eine kleine oder große Runde, je nachdem, wie gut der Bewohner zu Fuß war. Die waren so begeistert!

Hat sich die Beziehung zwischen den Bewohnern und den Pflegekräften durch Corona verändert?

Die hat sich gestärkt. Die Bewohner waren stärker auf uns angewiesen als ohnehin schon. Heute bedanken sie sich bei uns, dass wir gesund sind und zum Arbeiten kommen.

Und wie hat diese Zeit sich auf die Pflegekräfte untereinander ausgewirkt?
Wir sind als Team näher zusammengewachsen. Wir musste uns stärker aufeinander verlassen und haben vieles gemeinsam gemacht. Mit der Schutzkleidung – Overall, FFP2-Maske, Schutzbrille – war das Arbeiten gerade im Winter bei den hochgedrehten Heizungen schon oft beschwerlich. Da haben wir einander bei schweren Aufgaben wie dem Waschen und Richten von Bewohnern gegenseitig geholfen.

Gab es Reaktionen von außen?
Im März kam Corona und sofort bekamen wir die schönsten selbstgenähte Masken – mit tollen Motiven wie Snoopie und so. Schulkinder haben Briefe geschrieben, auch an einzelne Bewohner, und Bilder gemalt. Die Schwester eine Kollegin hat an Weihnachten jedem einzelnen Bewohner einen selbstgehäkelten Schneemann geschenkt. 120 Stück insgesamt!

An Weihnachten kamen viele Päckchen von den Angehörigen für die Bewohner. Aber auch – und das hat uns sehr gefreut und Kraft gegeben – Respekt und Dank fürs Personal und Anerkennung.

Was hat Ihnen sonst noch Kraft gegeben in diesen schwierigen Zeiten?

Unsere Einrichtungsleiterin und die Pflegedienstleitung haben an besagtem 12. November sofort erkannt: Wir Pflegekräfte brauchen Unterstützung und haben umgehend alles Erdenkliche in die Wege geleitet. Zu jeder Zeit haben wir gespürt, dass sie darauf bedacht war, uns Erleichterungen zu verschaffen, wo immer es ging. Wir haben T-Shirts bekommen, die wir unter den Overalls tragen konnten. Und Gürteltaschen. Das hat ungeheuer geholfen. Im Sommer haben sie uns Limonade mit Eis und im Winter Zitrone, Ingwer und Tee auf die Wohnbereiche geschickt.
Ende 2020 haben wir als Anerkennung Coronaprämien bekommen. Die kamen zwar vom Staat, beantragen musste das Heim sie jedoch schon, und das haben nicht alle gemacht.

Wie geht es Ihnen dabei, ständig Maske zu tragen und sich testen zu lassen?
Man gewöhnt sich so an alles. Aber ohne ist natürlich besser. Es ist schöner, wenn die Bewohner das Lächeln am Mund sehen, nicht nur an den Augen.

Wie oft wurden Sie zwischenzeitlich getestet?
Ich habe aktuell zwei PCR-Tests und etwa 20 bis 30 Schnelltests hinter mir. Das macht mir nichts aus. Es ist gut zu wissen, dass man negativ ist. Denn es kann ja so schnell Kreise ziehen. Im Heim, in der Familie und im Bekanntenkreis – sofern man noch jemanden trifft. Ich habe für mich selbst keine Angst vor Corona, davor, jemand immunschwachen anzustecken jedoch schon. Wir sind alle froh, wenn diese Zeiten vorbei sind. Doch sie haben uns auch in vielen Punkten bereichert. Soviel steht fest.

*Name von der Redaktion geändert